Offensive Tanz

© Philippe Weissbrodt

Michaela Schlagenwerth

Volle Kraft voran

Beim Tanzfestival PURPLE geht im Januar die Offensive Tanz für junges Publikum Berlin an den Start.

Professionelle Tanzproduktionen für Kinder und Jugendliche? In Berlin lange eine Rarität. Seit einiger Zeit aber tut sich etwas, und diese Veränderung soll nachhaltig gestaltet werden: Für ein breites Angebot und verstärkte Sichtbarkeit tritt die Offensive Tanz für junges Publikum an. Gefördert im Exzellenzprogramm TANZPAKT Stadt-Land-Bund, stellen vier Partner in Berlin gemeinsam ein flächendeckendes, durchdachtes Angebot auf die Beine. Über die Offensive hat Michaela Schlagenwerth, Tanzjournalistin und als Kulturagentin in Schulen aktiv, mit Canan Erek gesprochen. Sie vertritt als künstlerische Leiterin von PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum einen der vier Projektpartner, zu denen auch die TANZKOMPLIZEN, das Theater o.N. und das Theater Strahl zählen.

Michaela Schlagenwerth
Tanzjournalistin und Kulturagentin

Klare Worte zum Thema Tanz, Kinder und Jugendliche fand Virve Sutinen, als sie vor fünf Jahren die Leitung des Festivals Tanz im August übernahm. Selbstverständlich müsse ein Festival dieser Größenordnung auch internationale Produktionen für die jüngeren Zuschauer*innen präsentieren. Bislang ist daraus nichts geworden. Das Geld reicht nicht für eine eigene Kuratorin. Bei Tanz im August gibt es dafür jetzt familiengeeignete Stücke. Keine schlechte Idee, aber Produktionen, die sich explizit an Kinder und Jugendliche richten, sind trotzdem etwas anderes. Die Situation ist absurd: In Berlin leben so viele Choreograf*innen wie nirgendwo sonst in Deutschland. Aber professionelle Produktionen für junges Publikum gab es – bis auf wenige Solitäre – vor kurzem so gut wie nicht in der Stadt. Jetzt ändert sich daran einiges, und zwar in durchaus erfreulichem Tempo.

2017 haben sich zeitlich parallel gleich zwei Akteur*innen aufgemacht. Die Choreografin und Tänzerin Canan Erek gründete mit PURPLE ein Tanzfestival für junges Publikum. Es zeigt Berliner und internationale Produktionen. Der Verein TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen entwickelte zeitgleich mit seinem Projekt TANZKOMPLIZENeine eigene Produktionsschiene. Beide wussten, dass sie eine riesige Angebotslücke schließen. Endlich zeitgenössische Tanzstücke für Kinder und Jugendliche! Getanzt von professionellen Tänzer*innen und entwickelt von professionellen Choreograf*innen! Ein Selbstläufer – eigentlich. Aber dem war nicht so. „Für die erste Festivalausgabe“, sagt Canan Erek, „mussten wir uns unser Publikum erst noch erkämpfen“. TanzZeit gab es damals schon zwölf Jahre. Aber Kindern und Jugendlichen das Selbst-Tanzen zu ermöglichen ist eben etwas ganz anderes als mit ihnen gemeinsam Tanz zu sehen. Beim Tanzsehen sind die Zuschauer*innen, egal welchen Alters, vor allem auf sich selbst zurückgeworfen, auf ihre eigene (sinnliche) Wahrnehmung und ihre eigenen Assoziationen. Gerade das macht zwar das Besondere und Großartige von Tanz aus, aber für Lehrer*innen mit ihren vor allem kognitiven Zugängen ist es eine große Herausforderung.

Inzwischen müssen sich Canan Erek und die TANZKOMPLIZEN um Besucher*innen keine Sorgen mehr machen. Die dritte Ausgabe von PURPLE, die im Januar in den Uferstudios und vier weiteren Spielorten (Jugendtheaterwerkstatt Spandau, TANZKOMPLIZEN@Schillertheater-Werkstatt, TanzTangente, Theater Strahl) läuft, ist schon Wochen vorher weitgehend ausverkauft. Vernetzt haben sich PURPLE und TANZKOMPLIZEN nun vor einer Weile mit zwei alteingesessenen Theatern, dem Theater Strahl und dem Theater o.N., die beide eine Tanzsparte auf- und ausbauen wollen. Gemeinsam haben die vier Partner für ihre Offensive Tanz für junges PublikumBerlin aktuell eine Förderung von TANZPAKT Stadt-Land-Bund erhalten. Für 2020 und 2021 sind insgesamt sechs Tanzproduktionen finanziert, die zum Teil auch national und international touren werden. Neue Vermittlungsformate werden entwickelt, für Kinder und Jugendliche, aber auch für Lehrer*innen und Erzieher*innen. In drei Symposien wird unter anderem dazu geforscht, wie Tanz auch jenseits der „kulturellen Mitte“ attraktiv werden kann. TANZKOMPLIZEN kooperieren dafür mit Ahmed Soura und Bouchra Ouizgen. Das Theater o.N. will mit Clebio Oliveira und Isabelle Schad zusammenarbeiten, und das Theater Strahl mit der niederländischen Choreografin Josephine van Reenen.

Die Entscheidung der TANZPAKT-Jury setzt für das Land Berlin ein klares Zeichen: Hier besteht Bedarf! Nun kann man nur hoffen, dass dieses Signal auch ankommt. Bislang müssen das Festival PURPLE und die TANZKOMPLIZEN finanziell von Jahr zu Jahr jonglieren. Eine Verstetigung steht an. Jetzt, mit den vier miteinander vernetzten Partnern, erst recht. Eröffnet wird PURPLE im Januar von der Cie Philippe Saire aus Lausanne, die mit „Hocus Pocus“ für Kinder ab 7 Jahren die Schwerkraft außer Kraft setzt – und ja vielleicht gleich noch ein paar andere Wunder bewirkt.

This text was originally published in trb tanzraumberlin magazine, issue 01/02 2020, available online via this link.