Tanzbotschafterinnen Celine & Jalda
"Sehr emotional und gleichzeitig voller Hoffnung"
Interview mit Guy & Wannes von De Dansers zum Stück “Shake Shake Shake”
Am Sonntag, den 13.09 waren wir, Tanzbotschafterinnen Celine und Jalda, im Stück Shake Shake Shake von der niederländischen Gruppe De Dansers im Theater Strahl. Das besondere an der Performance ist, dass die Künstler*innen nicht nur beeindruckend tanzen können, sondern auch musikalisch vielseitig begabt sind.
Während der ganzen Vorstellung wird die Musik live gespielt, was die Menschen auf der Bühne jedoch nicht davon abhält, dabei umher zu rennen oder komplizierte Tanzschritte auszuführen. Das Stück beginnt vor allem als energetisches Konzert, das uns im Publikum aufweckt und in den Bann zieht. Dann entwickelt es sich immer mehr zu einem Tanzstück und wird ruhiger. Mir fällt auf, wie anders es sich anfühlt, die tanz-lastigeren Szenen anzuschauen. Während diesen Szenen überlege ich selber mehr, was die Bewegungen für mich zu bedeuten haben. Es geht um das Gefühl, niemals genug zu sein, ums allein sein und ums Miteinander, aber vor allem: ums Loswerden. Die Personen auf der Bühne wollen nicht mehr feststecken und alles weg schütteln.
Im Anschluss an die Vorstellung haben wir dir Möglichkeit, ein Interview mit zwei von den Darstellenden zu führen. Wir setzten uns mit Wannes De Porre (Tänzer) und Guy Corneille, der gemeinsam mit Josephine van Rheenen für das Konzept verantwortlich ist, auf die Bühne. Das Interview haben wir auf Englisch geführt und anschließend übersetzt. Wir haben uns folgende Fragen gestellt:
Shake Shake Shake © Bart Grietens
Für mich ist es das erste Mal, dass ich eine Performance sehe, in der Tanz und Musik so gemischt werden. Wie würdet ihr selbst ein Tanzkonzert definieren?
Guy: Für mich ist ein Tanzkonzert eine Performance, bei der Musik und Tanz gleich wichtig sind und gemeinsam etwas aussagen. In einem Tanzkonzert sind die Menschen auf der Bühne nicht Musikerinnen oder Tänzerinnen, sondern funktionieren zusammen als eine Gruppe. Wir entwickeln unsere Stücke anhand von Themen wie dieses Mal „Shaking“ (schütteln), die sowohl körperlich als auch musikalisch inspirierend sind. Denn man kann Musik machen, die aus dem Körper kommt und man kann aus seinem musikalischen Gespür heraus tanzen. Das ist das Wichtigste. So fangen Tänzerinnen automatisch an, zu Musikerinnen zu werden und andersheraum.
Wannes: Ich persönlich finde das Konzept sehr toll, da ich zwar in meiner Ausbildung gelernt habe, mich durch Tanz auszudrücken, aber durch den Bezug zur Musik kann ich das vertiefen. Es bereichert den Tanz, sich des Rhythmus und der Tonalität bewusster zu werden. Das macht Spaß.
Welchem Genre würdet ihr euch zu ordnen? Welche Tanz- oder Musikstile inspirieren euch?
Wannes: Ich bin als Modern-Tänzer ausgebildet, aber habe im Laufe der Zeit sehr viele verschiedene Stile kennengelernt und durch andere Tänzer*innen neues gelernt.
Guy: Für uns als Gruppe ergibt es wenig Sinn, uns in ein Genre einzuordnen. Jeder von uns bringt etwas Eigenes mit, das wir kombinieren. Aber zum Beispiel bei einem neueren Stück von uns haben wir einige Workshops mit einem Flamenco-Choreografen gemacht, um neue Impulse zu bekommen. Daran sind wir super interessiert. Und das heißt nicht, dass wir alle Elemente von diesem Workshop übernehmen werden. Aber wir haben Leute getroffen, die uns ihre Arbeit gezeigt und uns wirklich inspiriert haben. Wir haben Eindrücke bekommen, wie man mit dem Körper und durch Musik neue Ausdrucksformen finden kann, und verschiedene Wege der Kommunikation zwischen Musik und Tanz oder sogar zwischen den Tänzern durch ihre Musikalität kennengelernt.
Gibt es jemanden, der die Texte in euren Stücken schreibt, oder entsteht das durch Improvisationen in der Gruppe?
Guy: Wir haben niemanden, der außerhalb der Gruppe Texte für uns schreibt, sondern kreieren alles selber. Für die Texte arbeiten wir eher wenig mit Improvisation und entwickeln diese individuell: In diesem Stück hat zum Beispiel Wannes den Song „Lights Out“ geschrieben, Ruben hat sein eigenes Gedicht geschrieben und ich singe auch meinen eigenen Text. Manchmal nehmen wir auch Texte voneinander und wir helfen uns gegenseitig.
Shake Shake Shake © Bart Grietens
Ihr habt dieses Stück vor sieben Jahren zum ersten Mal aufgeführt und aufgehört es zu spielen. Warum habt ihr euch jetzt dazu entschieden, dieses Stück wieder zu spielen?
Guy: Zum einen hat es sich ergeben, weil wir in dieser Saison keine Tourneevorstellung für Erwachsene hatten. Also fanden wir, dass das eine Gelegenheit ist, um etwas Altes wieder aufzugreifen. Das hatten wir vorher noch nie gemacht. Wir haben uns für dieses Stück entschieden, da wir mit dem gleichen Cast ein weiteres Stück namens „Hush“ entwickelt haben und es spannend fanden, unser erstes Stück noch einmal aufzugreifen und dabei das einzubringen, was wir aus dem zweiten Prozess zusammen gelernt hatten.
Habt ihr also etwas verändert oder ist alles beim Alten geblieben?
Guy: Wir haben vieles geändert und dann wieder alles rückgängig gemacht. (Lacht)
Wannes: Wir haben mit jemandem von außerhalb zusammengearbeitet, die an einigen Szenen herum gefeilt hat und schließlich entstand ein ziemlich anderes Stück. Wir haben alles wieder herausgenommen, aber etwas davon ist geblieben, und das hat dem alten Stück eine neue Kraft verliehen und es wieder zum Leben erweckt.
Guy: Außerdem waren wir in unseren 20ern, als wir das Stück gemacht haben. Und jetzt sind wir alle in unseren 30ern. Wir waren ein bisschen nervös, wie wir das hinbekommen würden. Das ist auch interessant, älter zu werden und dann wieder zu einer Performance zurückzukommen. Ihr macht viele Stücke für jüngere Menschen. Gibt es etwas dass ihr uns insbesondere mitgeben möchtet?
Guy: Gibt es denn eine Botschaft, die du als junger Mensch aus dem, was du gesehen hast, mitnimmst?
Tanzbotschafterin Jalda: ja, ich nehme vor allem den Part übers Loszulassen mit, denn das ist etwas womit ich selbst oft Schwierigkeiten habe. Ich behalte Dinge im Kopf, die nicht wichtig sind und die ich eigentlich loswerden möchte. Und ich glaube, das ist etwas, womit sehr viele junge Menschen ein Problem haben, sich selbst zu sagen: „Das spielt keine Rolle, das ist nicht wichtig.“
Shake Shake Shake © Bart Grietens
Guy: Im Stück geht es auch viel darum, dass man manchmal die Dinge, die man verinnerlicht hat, erst einmal abschütteln muss, um heraus zu finden, ob sie zu einem passen oder nicht. Das ist vor allem für jüngere Menschen sehr wichtig.
Wannes: Manchmal benutze ich dieses Stück um genau das zu tun, um einfach alles abzuschütteln. Ich meine, das sollten wir nicht (Lacht). Es ist wie ein Mittel gegen das schwierige, dass ich in meinem Leben habe.
Guy: Noch etwas, das mir an dem Stück gefällt: Es geht nicht darum, dass alle gut singen und tanzen können. Du kannst etwas beitragen, auch wenn du nicht extrem gut darin bist. Du kannst es trotzdem. Das möchte ich auch gerne mitgeben, dass der Gedanke, alles müsste sofort super schön und perfekt sein für mich der Kunst widerspricht.
Etwas später unterhalten wir beide uns über den Abend. Wir sind inspiriert von den vielen originellen Tanzelementen und vor allem von den Duetts, die zeigen, wie man in Beziehungen zu Anderen in einem ständigen Wechsel ist, zwischen Tragen und getragen werden, abgeben und aufnehmen. Wir sind uns einig, dass das Stück sehr emotional und gleichzeitig voller Hoffnung und Energie ist. Schade, dass es nun zum letzten Mal aufgeführt wurde, aber wir sind gespannt auf die nächste Produktion von De Dansers!



